Startseite
TK-Online
Aids in Kambodscha veröffentlicht: 09.12.2009
"Wir leben heute"
Benjamin Prüfer und Detlev Buck (re.) in Kambodscha (Foto: Delphi Filmverleih)
Benjamin Prüfer und Detlev Buck (re.) in Kambodscha (Foto: Delphi Filmverleih)
Der Journalist und Autor Benjamin Prüfer weiß genau, wovon er redet, wenn er über Aids in Kambodscha spricht: "Als ich im Jahr 2003 meine zukünftige Frau Sreykeo kennen lernte, war AIDS für mich vor allem ein Akronym. Ich war damals 23 Jahre alt, auf einer Rucksackreise durch Asien, und hatte noch diese traumwandlerische Sicherheit der Jugend: die Überzeugung, dass das Unglück immer die anderen trifft. Ich war in den folgenden Jahren gezwungen, mir ein Wissen über die HIV-Epidemie in Kambodscha anzueignen, auf das ich gerne verzichten würde. Detlev Bucks Verfilmung unserer Geschichte bietet ein realistisches Bild der Situation HIV-Infizierter in Kambodscha im Jahre 2003. Auch wenn die Lage noch immer ernst ist, so hat sie sich inzwischen doch dramatisch verbessert.

Epidemie

Die HIV-Epidemie in Kambodscha ist noch relativ jung. Bis 1989 war das Land von vietnamesischem Militär besetzt. 1993 organisierte eine UN-Mission die ersten freien Wahlen des Landes. In dieser Zeit traten auch die ersten Fälle von HIV auf. Ein Mythos, der unter westlichen Ausländern und Journalisten in Kambodscha weit verbreitet ist, besagt, dass jene UN-Mission schuld an der Epidemie sei.

Wahrscheinlicher ist aber, dass das Virus vor allem durch thailändische Sextouristen und kambodschanische Prostituierte, die aus dem Nachbarland zurückkehrten, eingeschleppt wurde. Das kann jemand aus meinem persönlichem Umfeld bestätigen: Djiat, Sreykeos ältere Schwester. Im Film wird sie kurz erwähnt: Sreykeo sagt Ben in einer Szene, sie sei an HIV gestorben. In der Realität ist sie zwar infiziert, dank Kombinationstherapie allerdings sehr lebendig. Djiat wurde von einer Bekannten der Familie an ein Bordell in Poipet, einem Grenzübergang nach Thailand verkauft. Dort musste sie vor allem thailändische Freier bedienen. Sie wurde mit HIV infiziert, bevor sie das erste Mal ihre Tage hatte.

Schnelle Ausbreitung

Von der Grenze aus breitete sich das Virus schnell aus. Der Anteil HIV-Infizierter an der Bevölkerung stieg auf 1,2 Prozent im Jahr 1995 und schließlich auf 2 Prozent im Jahr 1998. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 40 Prozent der Prostituierten, die in Bordellen arbeiten (im Gegensatz zu „Bargirls“, die auf eigene Rechnung in Bars, Karaoke-Lokalen und Biergärten arbeiten) mit HIV infiziert.

Viel hat sich seit dieser Zeit verändert. Man kann der kambodschanischen Regierung viel vorwerfen, aber nicht, dass sie nicht rigoros gegen Menschenhandel und Prostitution vorgegangen sei. Die Bordelle sind heute aus dem Straßenbild verschwunden – oder sind als Massagesalons, Gästehäuser oder Friseurgeschäfte getarnt. Gleichzeitig ging die Regierung in Zusammenarbeit mit NGOs und westlichen Geldgebern eine Aufklärungskampagne an. Mit Erfolg: Eine Befragung der Bevölkerung im Jahre 2005 ergab, dass 99 Prozent der Kambodschaner von HIV und AIDS wissen. 90 Prozent sind darüber informiert, wie sie sich vor der Krankheit schützen können, und über 40 Prozent haben sogar ein umfassendes Wissen über das Virus.

Der Anteil der HIV-Infizierten fiel: Von seinem Höhepunkt im Jahr 1998 – 2 Prozent der Bevölkerung - auf 0,9 Prozent im Jahr 2006, das Jahr in dem zum bisher letzten Mal eine umfassende Studie durchgeführt wurde. Heute wird er auf 0,7 Prozent geschätzt.

Schwierige Situation

Das war die gute Nachricht. Nun kommt die schlechte: Ein großer Teil des Rückgangs der Zahl der HIV-Kranken liegt schlicht in der Tatsache begründet, dass Ende der 90er Jahre die erste Welle der Infizierten begann, an der Immunschwäche zu verenden. Über die schwierige Situation der HIV-Infizierten kann ich aus erster Hand berichten: Nachdem Sreykeo und ich erfahren hatten, dass sie positiv ist, musste ich eine medizinische Versorgung für sie organisieren. Im Jahr 2003 wurden nur 2230 HIV-Infizierte in Kambodscha mit der Kombinationstherapie behandelt. Meist von westlichen "non governmental organizations" (NGOs), die ihre ersten Erfahrungen noch sammeln mussten.

Im Film gibt es eine Sequenz, in der Ben von Sicherheitspersonal aus einem NGO-Krankenhaus geschmissen wird, nachdem er einen Streit mit einer Angestellten angefangen hatte. Zwar wurde ich nie von zwei bulligen Security Guards aus der Tür geschmissen, aber ansonsten entspricht die Sequenz weitgehend der Wahrheit. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass die NGOs schlechte Medikamente benutzen würden. Allerdings haben sie einen ganz anderen Ansatz als ich: Den Organisationen geht es darum, mit begrenzten Mitteln einer möglichst großen Zahl von Menschen zu helfen. Ich wollte einem einzelnen Menschen die beste mögliche Behandlung zu kommen lassen.

Verbesserungen

Durch die Arbeit der NGOs und der kambodschanischen Regierung hat sich heute die Situation der HIV-Infizierten dramatisch verbessert: Von den 58 700 Erwachsenen, die 2008 mit dem Virus lebten, war bei 30 500 die Krankheit so weit fortgeschritten, dass eine Behandlung notwendig wurde. Von diesen erhielten 28 923 die Medikament, dass sind über 94 Prozent – ein großer Erfolg. Während 2006 noch 10 000 Menschen pro Jahr an AIDS starben, werden es nach Schätzungen in 2009 nur 1200 sein, dank der Therapie.

Sreykeo und ich leben heute mit unseren beiden Kindern in Phnom Penh. Ihre Therapie verläuft sehr erfolgreich. Ich werde oft gefragt, wie lange ihr Leben dauern wird. Der Film findet auf die Frage eine einfache Antwort: 25 Jahre. Tatsächlich hat niemand eine befriedigende Antwort – schließlich gibt es die Therapie erst seit etwas mehr als zehn Jahren. Für uns allerdings ist diese Frage relativ bedeutungslos. Schließlich leben wir heute."

Hier geht es zur Homepage des Films.




© 2012 | Public Address presseagentur | Datenschutzerklärung | Impressum